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Jetzt aber mal Tacheles – Vom biblischen Hebräisch zum Alltag

Die Deutschen sind nicht nur das Volk des Bieres, eine weitere deutsche Leidenschaft ist die ungebremste Leidenschaft für Sprichwörter und Redewendungen. Den Deutschen erkennt man nicht nur daran, dass er auch nachts um 4 einsam und allein darauf wartet, dass eine Fußgängerampel auf Grün schaltet, sondern auch daran, dass er über ein riesiges Sammelsurium aus geflügelten Wörtern und Floskeln verfügt.

Die deutsche Sprache ist dabei so produktiv, dass sie sich bei der Vergrößerung ihres Floskelwortschatzes großzügig auch bei anderen Sprachen bedient. Etwa 163 Wörter, die uns völlig alltäglich vorkommen, stammen aus dem Hebräischen (mit einem Umweg über Jiddisch). Damit meine ich aber nicht das moderne Hebräisch, das im Vergleich zu Jiddisch noch „ganz grün hinter den Ohren ist“, ich spreche vom (Alt)Hebräisch, das Hebräisch des Tanach (hebräische Bibel). Ich bin mir sicher ihr könnt alle schon mehr Althebräisch, als ihr eigentlich denkt.

Hier sieben Floskeln, die hebräischer nicht sein könnten:

 

1. „Jetzt aber mal Tacheles!“

Manchmal muss man den Leuten einfach mal sagen, dass sie zum Punkt kommen sollen – Tacheles reden sollen.

Bedeutung: Klartext reden; zur Sache kommen

Herkunft: „Tacheles reden“ kam über das Jiddische in die deutsche Sprache. Eigentlich leitet es sich vom Substantiv תַּכְלִית (Ende, Zweck, Ziel) ab. In der Wurzel כלה steckt „vollenden, zum Abschluss bringen“ – also zum Punkt kommen. Man sagt auch im modernen Hebräisch תכלס (Manchmal auch als תכלס geschrieben, ausgesprochen aber als „Tachles“) und die Bedeutung bleibt die gleiche wie im Deutschen:

Josef: את רוצה ללכת לאכול משהו? (Willst du was essen gehen? – At Rotza lalechet le’echol masche’hu?).

Rivka: מה בא לך? (Was willst du? – Ma ba lecha?).

Josef: תכלס בא לי סושי (Tacheles, ich will Sushi essen – Tachles, ba li Sushi).

 

2. „In Sack und Asche gehen“

Es kommt durchaus vor, dass manchmal so richtig was danebengeht. Deswegen braucht man aber nicht gleich „in Sack und Asche gehen“ und in Trauer versinken. War in alttestamentlichen Zeiten anders. Als bei Jakob alles den Bach so richtig runtergeht, zieht er sich einen Sack an, setzt sich auf den Misthaufen und streut sich Asche auf den Kopf.

Bedeutung: In Trauer gehen; sich schämen

Herkunft: Starb im alten Orient ein naher Verwandter, zerriss man die Kleider, zog ein schlichtes Buß-/Trauergewand und streute sich Asche auf den Kopf.

שַׂק (Sack, {m}) – grobes Tuch, Trauergewand.

 

3. „Das/der ist aber nicht ganz koscher…“

Na, schlechtes Gefühl bei der Sache? Dann scheint das wohl nicht ganz koscher zu sein und man sollte es lassen.

Bedeutung: geeignet, in Ordnung, angemessen

Herkunft: כָּשֵׁר sind im Tanach die Tiere bzw. die Speisen, die zum Essen geeignet sind. כָּשֵׁר bezeichnet demnach etwas, das in Ordnung, angemessen ist.

In Israel gibt es tatsächlich verschiedene Sorten von Koscher, bzw verschiedene Stempel, die für eine andere religiöse Gruppe stehen. Jedes Restaurant, das ein Koscherzertifikat haben möchte (und dadurch auch zeigen will, dass es die religiöse Besucher des Restaurants respektiert) muss jeden Monat das Rabbinat bezahlen.

Man bezahlt dafür, weil ein Rabbi kommen sollte und das Essen und den Vorbereitungsprozess kontrollieren sollte. In der Tat machen sie es nicht so fest und nicht so pingelig und deswegen sehen es viele als Betrug, der nur Geld kostet.

Weil es so teuer ist und weil manche Menschen das schlecht finden, dass es ein Monopol gibt, das das macht, gibt es heutzutage andere Alternativen für Zertifikate, die nicht nur den Geschäftsleitern ein andere Möglichkeiten bieten, sondern auch ein Chaos in der ultraorthodoxen Gesellschaft ausgelöst haben.

Dieser Blogpost ist übrigens auch koscher. Ein Jude hat es kontrolliert 🙂

4. „Hals- und Beinbruch“

Manchmal braucht man einfach ein bisschen Glück im Leben – aber sicher eben keinen Hals- und Beinbruch. Hebräische sprechende Menschen neigen dazu, schnell zu sprechen und dabei auch noch zu nuscheln. Da hilft dann auch kein Erfolg und kein Segen mehr vor dem Hals- und Beinbruch.

Bedeutung: viel Erfolg, bei dem was du tust

Herkunft: Auch Juden waren nicht so sadistisch, sich gegenseitig Hals- und Beinbruch zu wünschen. Im Gegenteil, man wünschte הַצְלָחָה (Erfolg) und Segen (בְּרָכָה). Auf Jiddisch wünschte man „hazloche und broche“, was für den Nicht-Hebräischsprecher wie „Hals- und Beinbruch klang. Nicht logisch, aber man war ja gewöhnt, dass Juden manchmal Sachen machen, die für den Betrachter manchmal nicht gleich logisch sind.

 

5. „Der ist doch meschugge!“

Wir alle sind ein kleines bisschen meschugge und das ist auch gut so, sonst wäre das Leben langweilig.

Bedeutung: verrückt, wahnsinnig

Wortherkunft: Das hebräische מְשׁוּגָּע geht auf Irrtum oder verrückt sein zurück. Das Wort war so toll, dass es es ins Jiddische, Deutsche und ins moderne Hebräisch geschafft hat. Kein Wunder es gab schon immer Verrückte und wird auch immer welche geben.

 

6. „Schmiere stehen“

Schmiere stehen“ ist immer dann nützlich, wenn man etwas vorhat, was wohl nicht ganz koscher ist.

Bedeutung: aufpassen, Wache halten

Herkunft: Ableitung vom hebräischen Wort שְׁמִירָה (Schmira {f}, Verb: לשמור, Lischmor), das „wachen, bewahren, halten“ bedeuten kann. Im Deutschen ist es ein bisschen umgangssprachlich, im modernen Hebräisch stehen die Soldaten auch heute noch Schmiere.

 

7. „So ein Tohuwabohu!“

Es gibt Tage, da geht alles drunter und drüber. Nichts läuft wie es soll und noch dazu sieht die Wohnung aus, als hätte ein Orkan gewütet und ein riesiges Tohuwabohu angerichtet.

Bedeutung: Chaos, Durcheinander, Kuddelmuddel

Herkunft: Wenn man danach geht, gibt es das תֹּהוּ וָבֹהוּ schon länger als alles andere. Bevor Gott in der Schöpfungsgeschichte das Licht anschaltet und Ordnung schafft, herrscht erstmal ein ziemliches תֹּהוּ וָבֹהוּ. תֹּהוּ bedeutet „wüst“, das Wort als Ganzes gibt es eigentlich nicht. Es ist ein Kunstwort, das versucht zu beschreiben, was man eigentlich nicht beschreiben kann. War ja keiner von uns dabei, als Gott auf den Lichtschalter gedrückt hat.

Ihr seht, Hebräisch ist wirklich unsterblich und einfach überall. Aber jetzt Tacheles: Althebräisch/Biblisches Hebräisch ist mindestens so interessant wie modernes. Wenn nicht sogar noch interessanter – probiert es doch einfach mal aus! Wir sehen uns, und bis dahin: Hals- und Beinbruch.

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